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Aussichten für das Jahr 2010, Teil II Jared Diamond
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Jared Diamond, ein Evolutionsbiologe, fällt aus der Reihe der Untergangspropheten, weil er schlicht kein Dr. Doom ist. Die Gründe dafür sollen nun näher beleuchtet werden. In seinem Buch „Kollaps – warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ beschreibt Diamond anhand von Beispielen von mehreren Gesellschaften die Gründe für ihr Verschwinden, jedoch werden ebenfalls Gesellschaften vorgestellt, die sich relativ erfolgreich in der Vergangenheit behauptet haben. Die Einzelheiten sollten auf jeden Fall selbst nachgelesen werden, in dem Zusammenhang wird z.B. auch die tragische Vergangenheit und Gegenwart der Insel Hispaniola und ihren Einwohnern in Haiti und der Dominikanischen Republik verständlich. Der Fokus soll sich jedoch auf die Erklärungsversuche für das Verhalten der erfolglosen Gesellschaften im vierzehnten Kapitel des Buches richten. Diamond selbst teilt die Erklärungen für das Scheitern von Gesellschaften in vier Kategorien ein.
Die erste Kategorie ist die Unfähigkeit einer Gesellschaft ein Problem vorauszusehen. Die Gründe hierfür können aus tatsächlicher Unwissenheit, der berühmte schwarze Schwan von Taleb, Vergessenheit oder eines falschen Analogieschlüsses einer Gesellschaft liegen. Alle drei Erklärungen könnten z.B. auch für eine Begründung der aktuellen Finanzkrise herangezogen werden. Die Krise ist etwas völlig neues, die alten Krisen wurden vergessen oder die Bekämpfung der neuen Krise soll analog oder im Gegensatz zu der Bewältigung vergangener Krisen erfolgen. In der Hinsicht interessant ist das kurze und selektive Gedächtnis einer Gesellschaft, obwohl die vergangen Erfahrungen seit Jahrhunderten recht umfassend schriftlich festgehalten wurden. Eine durchaus problematische Rolle kommt jedoch insbesondere der Interpretation der Vergangenheit der Wirtschaftswissenschaft zu.
Die zweite Kategorie ist die Unfähigkeit ein Problem zu erkennen, obwohl es bereits eingetreten ist. Neben der Unwissenheit und der Distanz, ist wahrscheinlich die Problematik der sogenannten „schleichenden Normalität“ und der „Landschaftsvergesslichkeit“, könnte auch graduelle Desensibilisierung genannt werden, hervorzuheben. Die „Landschaftsvergesslichkeit“ soll die Unfähigkeit, eine langsame graduelle Veränderung der Landschaft bemerken zu können, ausdrücken. Das Phänomen der „schleichenden Normalität“ beschreibt den Fall, indem ein Problem zu einem allmählichen Trend, verborgen hinter starken Schwankungen, wird. Ein gutes Beispiel hierfür könnte die Globale Erwärmung sein. Die Zunahme von sehr warmen Sommern und sehr kalten Wintern gestaltet die Erkennung des Trends allmählicher Erwärmung äußerst schwierig. Ähnliches betrifft die Möglichkeit des „Peak Oil“, die sich möglicherweise hinter der Zunahme der starken Schwankungen des Erdölpreises versteckt.
In die dritte Kategorie fällt die Unfähigkeit ein Problem zu lösen, trotz des Wissens um das Problem. Hierzu werden als Erklärung Interessenkonflikte aufgrund von rationalen und irrationalen Verhalten gezählt. Ein spezieller Fall des Interessenkonfliktes ist die sogenannte „Tragödie des Gemeineigentums bzw. Allmende“. In der Spieltheorie ist dieses Problem eng verwandt mit dem sogenannten „Gefangenendilemma“. Diese Theorie von John Nash, einem Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaft von 1994, verstärkte zumindest die Sichtweise auf den Menschen, als eigennutzmaximierende Maschine. Auch der Spruch, dass individuelle Rationalität zur kollektiven Irrationalität führt, leitet sich unter anderem daraus ab. Erfreulicherweise gibt es in den Wirtschaftswissenschaften verstärkt Bemühungen zur Lösung dieses speziellen Falls, bzw. zu einer längst fälligen Korrektur dieses Scheinproblems. Eine Wirtschaftswissenschaftlerin, Elinor Ostrom, gewann sogar 2009 den Nobelpreis für ihre Forschung in diesem Bereich, was leider in der öffentlichen Debatte kaum zur Kenntnis genommen wurde.
Als letzte Kategorie wird das Scheitern der Bemühungen, nachdem das Problem erkannt worden ist, erwähnt. Die Gründe hierfür sind mannigfaltig und könnten z.B. in mangelnden Fähigkeiten, unbezahlbaren Lösungen oder zu später Erkenntnis liegen. Anstatt also einen Weltuntergang zu prophezeien, veranschaulicht Diamond scharfsinnig die Ursachen und Erklärungen des Verhaltens von Gesellschaften, die zu ihrem Untergang führten.
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