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Okt/10

21

Negative Folgen des Long Tails

Der Tradition folgend, dass Ökonomen weniger Verständnis für die Wirtschaft besitzen als Nicht-Ökonomen, hat ein Physiker und Redakteur, Chris Anderson, ein hervorragendes Buch über die Internet-Ökonomie verfasst. Der Titel des Buches ist bereits Programm, „The Long Tail“. Nach Anderson besteht unsere Kultur fast ausschließlich aus einem Ringen um Beliebtheit (ein Teil des Erfolges von sozialen Netzwerken wie Facebook). Die Menschen seien völlig von Hits und Bestsellern besessen. Dies gilt z.B. für Bücher, Filme und Fernsehsendungen. Diese Welt, die Welt der Hits, sei jedoch im Niedergang, wird verdrängt von der Welt der Nischen. Zwar gibt es immer noch Hits und Bestseller, diese sollen aber bei weitem nicht mehr die Verkaufszahlen von früher haben. Im Internet findet seit den letzten Jahren eine gewaltige Fragmentierung der Märkte statt. Anhand eines statistischen Beispieles verdeutlicht er diesen Zusammenhang.

Was ist der „Long Tail“?

Das Musikportal Rhapsody bot über das Internet, zu der Zeit als das Buch geschrieben wurde, 4 Millionen Lieder an. Aktuell sind es bereits 10 Millionen. Eine sehr „kleine“ Anzahl an Liedern verkaufte sich sehr gut, dies waren im Dezember 2005 die ersten etwa 25 Tausend Titel, die Hits. Jetzt sollte man sich jedoch mit den Liedern abseits der Hits beschäftigen. Die Lieder zwischen dem Rang 25.000 und 100.000 wurden immer noch durchschnittlich 250 mal im Monat heruntergeladen. Dies entsprach etwa 22 Millionen Downloads und fast einen Viertel des Gesamtumsatzes von Rhapsody. Und hierbei hört es immer noch nicht auf. Lieder zwischen dem Rang 100.000 und 800.000 wurden noch 16 Millionen mal heruntergeladen. Dies entsprach 15 Prozent des Umsatzes des Musikportals. Beinah jedes Lied fand seinen Abnehmer. Dies ist der „Long Tail“.

Chris Anderson erklärt seine bahnbrechende Theorie selbst, Berkeley Universität:

Welche negativen Folgen hat der „Long Tail“ in der realen Welt?

Diese Entwicklung, dass unpopuläre Produkte stetig rentabeler werden, gilt nicht nur in der Welt des Internets, bei digitalen Produkten, die keinen bzw. vernachlässigbaren physischen Platz benötigen. Die Marktfragmentierung setzt sich ebenfalls in der realen Welt fort. Bei einem wahllos ausgesuchten Bäcker fand ich z.B. 40 verschiedene Brotsorten und 20 verschiedene Brötchensorten. Auch die Unmengen von verschiedenen Joghurtsorten kommen einem sofort in den Sinn. Anderson selbst zählt mehrere Beispiele im Epilog seines Buches auf, die Modebranche, die Reisebranche, Lebensmittelindustrie z.B. Biersorten etc. etc. etc. Während jedoch ein Lied im MP3-Spieler, dass einem nicht mehr gefällt oder sich gar nicht auf der Plattform verkauft, leicht gelöscht werden kann bzw. keine negativen Folgen hat, passiert das bei realen Produkten nicht. Die aus dem „Long Tail“ bzw. der Marktfragmentierung entstandene Schwierigkeit einer Kalkulation der Nachfrage und einen Überfluss an Sortimenten führen zu großen Ungleichgewichten in der realen Welt. Es wird also eine Unmenge an Müll und Verschwendung verursacht. Dies sind die negativen Folgen dieser Transformation. Es sollte nicht verschwiegen werden, dass die Standardisierung von Nahrungsmitteln in der Lebensmittelindustrie ebenfalls z.B. aufgrund von ästhetischen Gesichtspunkten oder Verpackungsgrößen und Formen zu einen immensen „Ausschuss“ von eigentlich nahrhaften und genießbaren Lebensmitteln führt, am Beispiel der Kartoffel oder Gurke. Die Überflussgesellschaft bzw. die Nischengesellschaft setzt sich ebenfalls in der realen Welt fort.

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anderson · long tail

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