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Mai/10

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Irrationalität der Rationalität

Beim Aufräumen stolperte ich letztens über einen Börsenbrief aus dem Jahr 1999. Ein seit 15 Jahren erfolgreich an der Börse agierender Anlageberater erklärte mir darin, weshalb der Dow Jones Industrial Average in den nächsten fünf Jahren, also im Jahr 2004 auf 20 000 Punkte steigen wird und im Jahr 2009 einen Stand von 40 000 Punkten erreichen wird. Anhand von zwei Beispielen soll gezeigt und erklärt werden, dass sich Anleger nicht unbedingt irrational bei der Wahl ihrer Anlage verhalten, und deshalb ihr Geld verlieren können. In dem besagten Börsenbrief wurde die Entwicklung des Dow Jones Index (ein Index, der die Entwicklung der 30 größten amerikanischen Unternehmen abbildet) seit 1980 gezeigt. Und tatsächlich verdoppelte sich der Indexstand seit 1980 alle fünf bzw. sechs Jahre von etwa 760 Punkten (der Tiefststand von 1980) auf 11 500 Punkte Ende 1999. Der Dow wuchs in diesen 20 Jahren im Durchschnitt mit 14 Prozent jährlich. Man brauchte sich in dem Zeitraum also nicht besonders anzustrengen, um ein guter Börsenhändler zu sein. Der Stand vom Dow Jones beträgt aktuell 10 380 Punkte, d.h. in den letzten zehn Jahre ist der Dow Jones Index quasi auf der Stelle getreten. Der Tiefststand in den letzten 10 Jahren wurde im März 2009 mit etwa 6 500 Punkten erreicht.

Beispiel 1: Dow Jones
Die Irrationalität der Erwartung einer stetigen Kontinuität der Börsenentwicklung ist in diesem Fall nicht offensichtlich. Aktuell beträgt jedoch der Marktwert der 30 größten Unternehmen der Vereinigten Staaten 2,69 Billionen US-Dollar, hierbei ist Exxon Mobil mit einem Börsenwert von 255 Mrd. US-Dollar das größte Unternehmen. Bei einer hypothetischen Verdopplung des Dow Jones auf 20 000 Punkte, würde der Börsenwert der 30 Unternehmen 5,4 Billionen US-Dollar betragen. D.h. im Durchschnitt wäre jedes der Unternehmen 180 Mrd. US-Dollar wert, jedes davon hätte also einen etwas höheren Wert als Wal-Mart heute. Um diese Wertsteigerung in die richtige Perspektive zu setzen, sollte das weltweite BIP betrachtet werden. Es wird auf ca. 70 Billionen Dollar im Jahr 2009 geschätzt. Das amerikanische BIP betrug 2009 etwa 14 Billionen Dollar. Während sich das BIP der USA zwischen 1980 und 2000 nominal etwa verdreifachte (real verdoppelte), wuchs der Dow Jones dagegen um den Faktor 14. Der Einwand, dass diese Unternehmen nun weltweit agieren und vom schnelleren Wachstum der Schwellenländer profitieren, ist zwar berechtigt. Jedoch kann weder ein globales Unternehmen, noch ein Finanzmarkt langfristig schneller wachsen als die Weltwirtschaft.

Beispiel 2: Cisco Systems
Ein anderes etwas offensichtlicheres Beispiel für die irreführende Erwartung einer Kontinuität auf den Märkten war Cisco Systems Ende der 1990er Jahre. Cisco war einer der “heißesten” Unternehmen während der Dot-Com-Blase. Die Gewinne von Cisco wuchsen zwischen 1995 und 2000 um durchschnittlich 53 Prozent jährlich. Der Aktienkurs von Cisco stieg während der 1990er Jahre sogar um 101 Prozent jährlich. Der Marktwert dieses Unternehmens erreichte am Ende des 20. Jahrhunderts 500 Mrd. Dollar und es wurde bereits spekuliert, ob Cisco das erste Billionen-Unternehmen der Geschichte wird (heute wird ähnlich über Apple berichtet). Aktuell beträgt der Börsenwert von Cisco etwa 138 Mrd. US-Dollar.

Bei beiden genannten Beispielen wurde einfach ein Aufwärtstrend verlängert, der nicht nachhaltig und realistisch sein konnte. In beiden Fällen waren die Erwartungen jedoch scheinbar rational. Das Beispiel von Cisco System habe ich im lesenswerten Buch „Fraktale und Finanzen“ von Benoit Mandelbrot, einem berühmten Mathematiker, entdeckt.

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