Archiv für die Kategorie ‘Wirtschaftskrisen’

Aussichten für das Jahr 2010, Teil I Barton Biggs

Freitag, 22. Januar 2010

Am Anfang eines Jahres stellt sich oft die Frage, wie das Jahr werden wird. Letztens ist ein netter Artikel mit den Prognosen von 12 sogenannten Dr. Dooms erschienen, der die Zukunftsaussichten der prominentesten Untergangspropheten oder möglicherweise zutreffender geschrieben der Pessimisten zusammenfasst. Allen Vorhersagenden ist gemein, dass sie der ökonomischen Zunft, außer Jared Diamond, entstammen. Das Ziel des Artikels ist es, ein paar Wenige der Dr. Dooms und ihren Argumenten vorzustellen, die im Gegensatz zu z.B. Soros oder Stiglitz immer noch jedenfalls in der deutschen Öffentlichkeit relativ unbekannt sind. Es lohnt sich immer die Meinungen der „Insider“ aus der Finanzwelt zu berücksichtigen, unabhängig von der Treffsicherheit ihrer Aussagen. Man sollte sie ernst, aber nicht zu ernst nehmen. Am meisten fällt wahrscheinlich Taleb aus der Reihe, der aus guten und von ihm selbst geschriebenen Gründen eigentlich keine Vorhersage macht.

Fangen wir heute mit Barton Biggs, einen langjährigen Ex-Manager bei der Investmentbank Morgan Stanley, der dort die Forschungsabteilung mit aufgebaut hat, an. Seine berühmte treffende Prognose betraf z.B. dem Börsensturz beim Platzen der Dotcomblase Anfang des 21. Jahrhunderts im Gegensatz zu seiner schlechten optimistischen Prognose für Mexiko, kurz bevor der Peso abgestürzt ist. Sein Ratschlag für die nächsten Jahre ist wahrscheinlich der extremste der ganzen Truppe.

In seinem Buch „Wealth, War and Wisdom“ scheint er einen Zusammenhang zwischen dem Börsengeschehen und den kritischen historischen Zeitpunkten, den sogenannten „turning points“ für die Sieger- und Verlierermächte im zweiten Weltkrieg gefunden zu haben. Die Börsen in den jeweiligen Ländern sollen seiner Meinung nach, diese Zeitpunkte vor der Öffentlichkeit erkannt und in Form von steigenden oder fallenden Aktienkursen widergespiegelt haben. Letztlich stellt das Buch eine Art Lobgesang für die Weisheit der Massen, in Form des Marktes, der immer Recht hat, dar, ganz im Gegensatz zu der vernichtenden Kritik der Intelligenz der Massen von beispielsweise Le Bon. Über die Weisheit oder Intelligenz der Massen lässt sich durchaus diskutieren, auch die Frage, wieweit der Markt, insbesondere die Börse ein Spiegelbild der Massen sein könnte. So fängt das Buch relativ harmlos an.

Die Vermögensvernichtung im zweiten Weltkrieg ist dann aber der Ausgangspunkt für den zweiten Teil des Buches, nämlich eine Art Handlungsfaden für die Rettung von Vermögen in extremen Krisenzeiten. Seine Ratschläge sind bei zukünftigen Krisen, um es kurz zusammenzufassen, sich Land zu kaufen um eine Art Subsistenzwirtschaft aufzubauen, und den Rest des eigenes Vermögens ins sichere Ausland zu transferieren, bzw. Gold oder Juwelen zu kaufen und es zu vergraben. In jedem Jahrhundert findet seiner Meinung nach mindestens eine gigantische Vermögensvernichtung statt, und so sollte man sich also darauf vorbereiten. Biggs entwickelt somit implizit ein Weltuntergangszenario in näherer Zukunft vergleichbar mit dem zweiten Weltkrieg. Das eigentliche Rätsel bleibt es, wie ein rationaler Mensch zu solch einem Ergebnis kommt. Die Tatsache ist, dass die am meisten rational geltenden Berufsgruppen, wie Physiker, Mathematiker und auch einige Ökonomen, die zum Teil am meisten irrationalen Ansichten vertreten. Jedenfalls weiß man nun, was Biggs mit seinem großem Vermögen anstellen wird.

Frohe Weihnachten allerseits!

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Falls man noch auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken ist, sollte man das Buch „Die Weltvernichtungsmaschine“ von Stefan Frank in Betracht ziehen. Zugegeben, es ist kein besonders weihnachtlicher Titel. Aber es ist die beste und knappste, jedoch trotzdem umfassendste Zusammenfassung der momentanen Finanz- und Wirtschaftskrise, die mir in diesem Jahr in die Hände fiel. Stellenweise ist das Buch auch wirklich erheiternd. Anhand der Tulpenkrise in Holland im 17. Jahrhundert kann man sich die Absurdität der Reaktion von staatlichen Stellen auf die Bankenkrise von heute vor die Augen führen. Die Spekulationsblase erreichte im Jahr 1637 ihren Höhepunkt und platzte im Februar desselben Jahres. 1638 verordnete die niederländische Regierung eine Auflösung der Kaufverträge und es sollte ein Ausgleich in Form von 3 – 5 Prozent des Kaufpreises der Tulpen erfolgen. Eine Rezession der holländischen Wirtschaft soll hiermit verhindert worden sein. Stefan Frank erwägt den hypothetischen Fall, wie die heutigen Regierungen auf diese Tulpenkrise reagiert hätten. Die Ursache der Krise wären nicht die absurden Preise der Tulpensorten gewesen, sondern die zu niedrigen Preise, deshalb würde man Bürgschaften für die Tulpenhändler ausgeben. Es würde ein Rettungsschirm für die Tulpenhändler aufgespannt werden, weil sie für jedermann offensichtlich systemrelevant wären. Die niederländische Wirtschaft, ach was die Weltwirtschaft, würde zusammenbrechen, falls die Tulpenhändler insolvent werden. Nebenbei sollten günstige Kredite für den Kauf von Tulpen verfügbar sein. Auch die Errichtung von „Bad Banks“ wäre möglich, wobei die Schuldscheine der Tulpenhändler in Staatsanleihen umgewandelt würden, damit diese liquide bleiben. Natürlich würde die Zentralbank Stützungskäufe durchführen um Vertrauen in den Tulpenmarkt zu schaffen. Nicht ausgeschlossen wären auch direkte staatliche Beteiligungen an den größten Tulpenhändlern. Die Wirklichkeit scheint die Satire schon lange überholt zu haben.

Quelle: „Die Weltvernichtungsmaschine“ von Stefan Frank

Deregulierung als mögliche Ursache der Finanzkrise, Teil I

Freitag, 27. November 2009

Die Abkehr von dem Glass-Steagall-Act

Der Glass-Steagall-Act von 1933 wurde als Antwort auf die Bankenkrise der 30er Jahre von der Roosevelt-Administration eingeführt. Der Kern dieser Maßnahme zielte auf die strikte Trennung von kommerziellen Banken, also Geschäftsbanken und Investmentbanken. So sollte die Verwaltung und der Schutz von Bankkundeneinlagen von den risikoreichen Anlagegeschäften separiert werden. Hiermit wurde eine neue duale Struktur in der Finanzwirtschaft erreicht.

Zwischen 1932-1934 wurde ein Ausschuss gebildet um die Vorgänge in den amerikanischen Banken während der letzten Jahren zu untersuchen, der sogenannte Pecora-Ausschuss. Dieser Ausschuss ermittelte mehrere von einander unabhängige Probleme, von denen die zwei wichtigsten genannt werden sollen. Die Einlagen der Bankkunden waren hohen Risiken ausgesetzt, indem sie von den Banken für den Handel auf dem Börsenmarkt benutzt wurden und die Anlageberatung war durch das Geschäftsverhältnis mit den auf die Börse gebrachten Unternehmen von einem starken Interessenkonflikt geprägt. Diese Interessenkonflikte sollten durch den Glass-Steagall-Act gelöst werden, indem keine kommerzielle Bank in den meisten, hauptsächlich den risikoreichen Geschäftsbereichen einer Investmentbank tätig werden konnte und umgekehrt. Ebenso wurde Bankern verboten gleichzeitig in beiden Institutionen tätig zu sein. Bereits kurz nach dem Erlass dieser Regulierungsmaßnahme versuchte die Finanzindustrie, diese zu umgehen. Sie nutzte eine Lücke, weil Bankholdings darin nicht erfasst wurden. So konnte eine Geschäftsbank und eine Investmentbank in einer Holding, einer Art Beteiligungsgesellschaft, zusammen gemanagt werden. Als Antwort darauf wurde der Bank Holding Company Act 1956 erlassen, der genau dies untersagte. Dieser enthielt jedoch wiederum eine Lücke; Ausnahmen waren möglich, falls die FED dies erlaubte und sie nutzte dies auch unter dem Druck der Banken und deren Fusionen großzügig aus. Eine noch größere Aufweichung der Regelung entstand durch eine Entscheidung des Supreme Courts, oberste Gerichtsinstanz der USA, die eine Einmischung der Gerichte bezüglich der Entscheidungen der FED untersagte.

Die schleichende Auflösung des Glass-Seagall-Act fing in den 80er Jahren an. Im Dezember 1986 stellte die FED fest, dass bis zu 5% des Umsatzes einer Geschäftsbank aus dem Geschäftsbereich von Investmentbanken stammen dürfen. In den nächsten Jahren wurde die Grenze auf 10% angehoben, und 1996 auf 25%. Der Finanzminister der USA, Rubin sagte vor dem Bankausschuss des Kongresses 1995, dass die Verteilung des Risikos auf viele unterschiedliche Geschäftsbereiche das Gesamtrisiko der Bank reduzieren würde. Der Glass-Steagall-Act würde damit paradoxerweise in der heutigen Zeit ein immenses Sicherheitsrisiko darstellen. 1999 würde er dann nach 12 Anläufen in den letzten 25 Jahren durch den Financial Modernization Act, auch bekannt als Gramm-Leach-Bliley-Act faktisch zu Grabe getragen. In dem allgemeinen Medienecho wird getan, als ob der Glass-Steagall-Act erst durch die Wirtschaftskrise 2008 abgedankt hätte, indem Investmentbanken den Status von Geschäftsbanken bekamen. Das Desaster u.a. der Citigroup zeigt aber, dass der Erosionsprozess der Regulierung von Banken schon viel früher erfolgt ist.

Quelle I:Sold Out - ein ausführliches Buch zur Deregulierung in den USA
Quelle II:kleine Chronik des Glass-Steagall-Act
Quelle III: Joseph Stiglitz zur Deregulierung

Immobilienblasen früher und heute

Montag, 23. November 2009

Nach Gjerstad und Smith fing die Immobilienblase im Jahr 1997 an. Zu dem Zeitpunkt wurden in den USA Hausverkäufe von Steuern auf Kapitaleinkünfte völlig befreit, pro Haus bis zur Grenze von 250.000 $ bei Einzelnen und 500.000 $ bei Verheirateten. Die Rezession nach der Internetaktienblase hätte auch den Immobilienmarkt negativ beeinflussen müssen, dies wurde jedoch durch die niedrige Leitzinspolitik verhindert. Sowohl die Clinton, wie die Bush-Administration verfolgten aggressiv das Ziel einer Ausweitung der Anzahl von Hauseigentümern, ein Teil des amerikanischen Traumes. Bei den beginnenden Immobilienblasen Ende der 70er und Ende der 80er Jahre wurden die Leitzinsen der FED stets parallel zu den steigenden Immobilienpreisen angehoben. So konnte sich nach Meinung der Autoren keine große Blase entwickeln. Vom Ende des Jahres 2001 bis 2004 gab es jedoch durchschnittlich die niedrigsten Zinsen in den USA seit 1958. Das interessante hierbei ist, dass sich die steigenden Hauspreise in der Inflationsrate der USA hätten widerspiegeln müssen. Bei einer hohen Inflationsrate hätte die FED viel früher die Zinsen anheben müssen um diese zu bekämpfen. Jedoch wurde die Bemessung der Inflation von Immobilien seit 1983 verändert. Anstatt die Immobilienpreise zu betrachten, wurden Mieten zur Messung der Inflation herangezogen. Da diese im weit geringeren Umfang als die Preise stiegen, hatte dies auch weniger Auswirkung auf die allgemeine Inflationsrate. Die amerikanischen Statistiker sind übrigens sehr kreativ hinsichtlich der Gestaltung von volkswirtschaftlichen Kennzahlen, nicht nur der Inflation.

In dem Artikel wird auch ein interessanter Vergleich mit dem amerikanischen Immobilienmarkt in den 20er Jahren herangezogen. Ausgangspunkt ist die Frage, weshalb die Vernichtung des Vermögens in dem Dot-Com-Crash von 10 Billionen US-$ dem Finanzsystem nicht halb soviel geschadet hat, wie die Vernichtung von 3 Billionen US-$ bei dem Hypothekencrash. Eine wirkliche Erklärung liefern die beiden nicht, stellen aber folgende Überlegung auf. Die ausstehenden Hypothekenschulden in den USA stiegen von 1920 bis 1929 von 9,35 Milliarden $ auf 29,44 Milliarden $, dies entsprach einer Anstieg der Hypothekenschulden als Anteil am Vermögen der Haushalte von 10,2 % auf 27,2 %. Erst die fallenden Immobilienpreise und der damit verbundene Ausfall der Ratenzahlungen sollen die Banken ruiniert haben, jedoch nicht der Börsencrash 1929.