Filmreview: Enron, the smartest guys in the room

In der Reihe Arthaus Collection wurde seit August eine Dokumentarfilmreihe herausgebracht. Eine der Dokumentationen ist von Alex Gibney und beschäftigt sich mit dem Aufstieg und Fall des Konzernes Enron, zu seiner Zeit die größte Unternehmenspleite in der amerikanischen Geschichte. Der Film gibt ein paar interessante Einblicke in die Geschichte von Enron und es lassen sich mehrere Schlussfolgerungen aus diesem Fall bilden. Die Geschichte von Unternehmen ist auch immer eine Geschichte von den dort arbeitenden Menschen, kann also davon nicht isoliert betrachtet werden. Die Menschen im Unternehmen werden von der Unternehmenskultur geprägt, und diese wird von der Unternehmensführung vorgegeben und vor gelebt. Der zweite wertvolle Ansatz zum Verständnis von Enron ist das Versagen aller Kontrollmechanismen aufgrund von persönlichen Netzwerken.

Die Philosophie des Unternehmens selbst wurde mit den Begriffen Respekt, Integrität, Kommunikation und Exzellenz (im Englischen repect, integrity, communication und excellence, abgekürzt RICE) dargestellt. In der externen Analyse dieser Unternehmenskultur fallen jedoch solche Begriffe wie Hybris (Überheblichkeit, bzw. Hochmut), hohe Risikobereitschaft (leider gibt es in der deutschen Sprache keine adäquate Übersetzung des Wortes „hazard“, eine Mischung aus Risiko, Leichtsinn und Gefahr; dafür gibt es den Hasardeur, also einen Draufgänger, Glücksspieler, leichtsinnige oder verantwortungslose Person ) und Gier. Der Film deutet eine große Begeisterung des Vorstandsvorsitzenden Skilling für das Buch „Das egoistische Gen“ von Richard Dawkins an. Skilling führte auch ein Anreizsystem in das Unternehmen ein, dass quasi eine natürliche Selektion abbilden sollte. Es wurde ein Bewertungssystem eingerichtet, und diejenigen mit der schlechten Bewertung wurden dann auch konsequent entlassen. Jedes Jahr wurden somit etwa 15% der Arbeitskräfte ersetzt. Es scheint immer noch ein Vorbild für manche Unternehmen zu sein. Das Buch von Dawkins ist möglicherweise ein Schlüssel für das Verständnis der Wirklichkeitsauffassung des Managements, bzw. der Schlüssel für die Unternehmenskultur von Enron. Um das vorwegzunehmen, halte ich die Theorie von Memen (eine Art Evolution der Ideen) bei Dawkins für sehr interessant, allein deswegen ist das Buch lesenswert.

Um vielleicht die Sichtweise von Skilling auf die Wirklichkeit zu fassen, werden ein paar kleine Passagen aus dem Kapitel „Krieg der Generationen“ (im englischen lautet das Kapitel „Battle of the generations“, also Kampf der Generationen, das klingt aber nicht so auf-reißerisch) zitiert.

„Ich betrachte eine Mutter als eine Maschine, die so programmiert ist, dass sie alles in ihrer Macht Stehende tut, um Kopien der in ihr eingeschlossenen Gene zu verbreiten. … Die Mutter ist, wie jedes andere Lebewesen, zweimal so nahe mit sich selbst „verwandt“ wie mit irgendeinem ihrer Kinder. Unter sonst gleichen Umständen würde das bedeuten, dass sie den Großteil ihrer Mittel eigennützig in sich selbst investieren sollte; aber die sonstigen Umstände sind nun einmal nicht gleich. Sie kann ihren Genen mehr gutes tun, wenn sie einen angemessenen Teil ihres Kapitals in ihre Kinder investiert, denn diese sind jünger und hilfloser als sie und können daher stärker von jeder angelegten Einheit profitieren als sie selbst.“

Das Individuum wird bei Dawkins als eine eigennützige Maschine angesehen, die programmiert ist, alles zu tun, was für ihre Gene als Gesamtheit von Vorteil ist. Auffallend ist der häufige Gebrauch von Begriffen aus der Informatik (Maschine, programmiert) und der Wirtschaftswissenschaften (investieren, Kapital, profitieren) um das Verhalten von Lebewesen zu erklären. Der letzte Satz erinnert stark an den Grenznutzen aus der Volkswirtschaft und die optimale Allokation von Ressourcen. Es scheint so, als ob das Buch eher für Wirtschaftswissenschaftler als für Biologen geschrieben wurde. Man könnte aber auch über eine zunehmende Ökonomisierung der Biologie sprechen. Das Verhalten des angenommenen berühmt-berüchtigten „homo oeconomicus“ aus der Wirtschaftswissenschaft findet bei Dawkins seine biologische Berechtigung. Seit Darwin finden sich zahlreiche primitive Versuche einer Übertragung der Evolutionstheorien in die Ökonomie. Ausgehend vom Dawkins würde sich die Selbsterkenntnis darauf beschränken, dass man nur eine eigennützige Maschine mit egoistischen Genen ist. Dies führt dann unmittelbar zur Berechtigung des eigenen Verhaltens. Die andere Schlussfolgerung besteht in der Lebenseinstellung, dass die Welt ein Spiel ist, in der nur die Kleversten (engl. smart), wohlgemerkt nicht die Intelligentesten, überleben. Die Evolutionsidee wurde sowohl intern in der Errichtung von Selektionsmechanismen der Kleversten umgesetzt, wie extern mit der Transformation, bzw. Evolution des Gaspipeline-Betreibers zum virtuellen Energiehändler. Erwähnenswert ist ebenfalls die geschätzte Macho-Kultur im Unternehmen. Sich zufällig ergebende Analogien hinsichtlich Investmentbanker und Vorstände von bestimmten Banken sind voll beabsichtigt.

Share and Enjoy: Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • Linkarena
  • Readster

Tags:

Hinterlasse eine Antwort