Es soll der Frage nachgegangen werden, ob Philosophie in der heutigen Zeit Impulse für die Bewältigung der Finanz- und Wirtschaftskrise anstoßen kann. Der prominente deutsche Philosoph Peter Sloterdijk und seine Ansichten zur Wirtschaftskrise sollen anhand seines Gespräches mit Frank Meyer vorgestellt und interpretiert werden. Das moderne Zeitgeschehen hat sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr von der Philosophie und ihrer Bedeutung als Geisteswissenschaft für eine Erklärung oder Deutung der gesellschaftlichen Entwicklung, und der wirtschaftliche Prozess ist ein wichtiger Bestandteil dieser Entwicklung, entfernt. Diese geriet durch Wirtschaftswissenschaft, Soziologie und Psychologie immer mehr in den Hintergrund, und führte nur als eine Exotenwissenschaft ihr Schattendasein. Die Bedeutung einer kritischen und hoffentlich konstruktiven Denkweise ist jedoch unermesslich in Zeiten von Krisen und bedeutenden gesellschaftlichen Umwälzungen, zumindest für eine Erweiterung des Verständnisses der einen umgebenden Welt. Philosophie steht auch für einen besonderen Umgang mit der Sprache, deshalb ist mein Vokabular durch diesen philosophischen Diskurs erfreulicherweise erweitert worden.
Seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und insbesondere seit der weltweiten Depression in den 30er Jahren wurde versucht, die Raubtierelemente des wilden Kapitalismus zu domestizieren. Die Erhaltung von Regeln als eine systemimmanente Funktion des marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystems wurde in den 80er Jahren, der Ära von Reagan und Thatcher, diskreditiert. Die Ansicht, dass der Staat eine sozialistische Agentur sei, hat sich immer mehr durchgesetzt. Der Ausspruch von Margaret Thatcher „Es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur einzelne.“ wurde zum Leitmotto. Der Neoliberalismus empfindet den Staat naturgemäß als eine sozialistische Institution, deren Einfluss zumindest geschwächt, wenn nicht gar abgeschafft werden soll. Der Neoliberalismus als eine verkappte Theologie kann durchaus in einem pseudoreligiösen Rahmen, nicht von der Tiefe her, aber mittels seiner Überzeugungkraft, gestellt werden. Die unsichtbare Hand des Marktes als eine Art Zentralintelligenz, ein gedankliches Konstrukt von Adam Smith, löst unmittelbar Assoziationen mit einer monotheistischen Gottesvorstellung aus. Denkbar viele Worte aus einem religiösen Kontext werden als beschreibende Attribute des Marktes benutzt, unter anderem die Selbstheilungskräfte des Marktes. Die Wortverschleierung der ökonomischen Erfindungskraft zeigt sich am Beispiel des Wortes Zertifikat. Zertifikat ist abgeleitet aus den lateinischen Worten „certus“ für sicher und „facere“ für machen, nach der Lehman-Erfahrung führt sich das Wort selbst ad absurdum. Zudem wird noch die Vorstellung eines sich autodidaktisch perfektionierenden Systems nahe gelegt. Eine Wissensfrage wird aufgrund enormer Komplexität zu einer Glaubensfrage transformiert. Diese Wächterphantasien sollen aus dem Wunsch des Menschen nach psychischer Sicherheit und Orientierung entspringen, denn nichts erscheint grauenerregender als sich in einem fahrenden Zug ohne Lokomotivführer zu befinden. Die Existenz dieser Wächterphantasien kann zugleich die Entstehung aller Ideologien, Neoliberalismus, Kommunismus, Sozialismus, Kapitalismus etc. verständlich machen.
Die Konsequenzen dieser Ideologie führt folgerichtig zu einer Sichtweise des Menschen als einen Homo Oekonomicus mit dem Eigennutz als einzige Antriebskraft, alles unter dem Deckmäntelchen der Rationalität. Der Egoismus wird letztendlich logisch konsequent zum Altruismus erklärt. Die Nächstenliebe, der Leitfaden der christlichen Lehre, wird in ihr Gegenteil umgemodelt und die Hauptlaster, Hochmut, Geiz, Genusssucht und Völlerei zu Tugenden gemacht. Das Verbot von Stehlen und Lügen wird zum Gebot von Stehlen, in der speziellen Auslegung, dass man sich nur nicht erwischen lassen darf. Der Niedergang des Sozialismus Ende der 80er Jahre begünstigte das Aufkommen des Asozialismus, der Individualität. So kommt auch das Märchenmotiv vom Schatzsucher zum Tragen. Der Traum von der wunderbaren Geldvermehrung nur durch Geld entspricht den alchemistischen Träumen des Mittelalters, der neu aufgelegten Fantasie des Steins der Weisen in Form des leistungsunabhängigen Einkommens. Die Wirkung auf die ethischen Grundwerte erzeugt kein unmoralisches, sondern ein amoralisches Verhalten. An dieser Umkehrung aller Werte hätte Nietzsche möglicherweise seine Freude gehabt. Der Meinung, dass Großzügigkeit und Kooperation evolutionäre Erscheinungen sind im Gegensatz zum erlernten Eigennutz, kann nicht vorbehaltlos zugestimmt werden. Sicherlich war jedoch die Kooperation in Horden oder Dörfern von einer immens größeren Bedeutung als der Individualismus, der in der Zeit wahrscheinlich zu einer Ausgrenzung führte. Fest steht, dass das Überleben des Einzelnen von der Gemeinschaft abhängig war. Ob die Zusammenarbeit nun angelernt oder angeboren war, scheint irrelevant zu sein.
Diese Entwicklung der letzten Jahrzehnte kann als eine Verschwörung der Spießer angesehen werden. Letztendlich können politisierte Bürokraten mit Allmachtsfantasien nicht von den Konzern- und Unternehmenslenkern abgegrenzt werden. Diese Spießerintelligenz soll jetzt auch ausreichend sein, um mit den Problemen unserer Zeit fertig zu werden, dies kann nur in einer völligen Überforderung enden. Eine andere Schlussforderung lässt sich aus dem Beziehen der Perspektive einer Refeudalisierung der Gesellschaft entnehmen. Die Millionäre und Milliardäre sind somit die neuen alten Feudalherren, die in einer Parallelwelt leben, und deren natürliche Feinde in dem demokratischen Rechtsstaat und der Zivilgesellschaft bestehen. Als Schlusswort ist eine Warnung angebracht, bevor man an der Umsetzung einer Weltverbesserung bastelt, sollte man zuerst eine Selbstverbesserung in Gang setzen.
Quelle: Gespräch zwischen Sloterdijk und Meyer
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