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Geld verdirbt den Charakter oder die Moral von Geld
No comments · Posted by admin in Psychologie
Es ist immer wieder erstaunlich wie die menschliche Vernunft torpediert wird. Erkenntnisse, die bereits seit Jahrhunderten bekannt sind, und immer wieder wissenschaftlich aufs Neue bewiesen werden, werden durch bestimmte Interessengruppen, aus den akademischen jedoch vor allem wirtschaftlichen Kreisen, völlig negiert. In meinem wirtschaftswissenschaftlichen Studium musste ich mir anhören, dass Managergehälter überproportional entlang der Hierarchiestufen ansteigen müssen, um ein wirksames Monitoring (Überwachung und Kontrolle) des „führungsbedürftigen“ Personals zu ermöglichen. Diese Erkenntnis war im Rahmen der Prinzipal-Agenten-Theorie, einen Teilbereich der Neuen Institutionenökonomik, eingebettet. Die mathematische Herleitung als Beweis für die Richtigkeit dieser Erkenntnis erschien mir bereits zur damaligen Zeit völlig abwegig. Es scheint so, als ob zuerst die Tatsache, dass Gehälter in bestimmten Teilen der Welt, insbesondere beim heutigen ökonomischen Trendsetter den Vereinigten Staaten, völlig außer Kontrolle zum Schaden der Anteilseigner der Unternehmen geraten und die Betriebswissenschaft dann manisch versucht, diesen Sachverhalt durch Konstruktion von mehr oder weniger absurden mathematischen Theorien zu rechtfertigen. Anstatt Theorien und empirische Studien der Wissenschaften wie der Psychologie, der Sozialwissenschaft oder der Philosophie, die sich bereits seit Jahrhunderten mit der Thematik von Geld und Moral bzw. Geld als Wirk- und Anreizmechanismus beschäftigen, wenigstens zu berücksichtigen, wird eine neue passende Theorie aus dem Boden gestampft, um ein bestehendes Verhältnis rechtfertigen zu können. Zwei interessante Experimente sollen deshalb herangezogen werden, um den Zusammenhang zwischen monetären Anreizen und dem daraus entstehenden Verhalten zu verdeutlichen. Am Ende wird dann kurz auf die Konsequenzen aus den Erkenntnissen der empirischen Forschung für das Management eingegangen.
Den ersten Versuch entnehme ich aus dem lesenswerten Buch „Die Kunst, kein Egoist zu sein“ von einem modernen deutschen Philosophen, Richard David Precht. Der Titel ist unglücklich gewählt (ein oft vorkommendes Ereignis, in diesem Fall klingt der Titel wie ein abschreckendes Selbsthilfebuch), da im Buch die Entwicklung der Moral aus mannigfaltigen Perspektiven, sogar aus der betriebswirtschaftlichen Perspektive, dargestellt und ihre Auswirkung auf Gesellschaft, Ökonomie und Politik im Buch kompakt und anschaulich analysiert wird.
Ein Belohnungsexperiment
Zwei Gruppen von Kleinkindern wurde die Aufgabe gestellt, verschiedenfarbige Papierstapeln zu sortieren. Der ersten Gruppe wurde erzählt, dass der Erlös aus dieser Arbeit für schwerkranke Kinder eines Krankenhauses verwendet wird. Der zweiten Gruppe wurde Spielzeug als Belohnung in Aussicht gestellt. Es folgte kein Unterschied im Engagement beider Gruppen hinsichtlich der Arbeit. Nach einiger Zeit wurden beide Gruppen wieder gebeten, Papier zu sortieren, nun aber mit dem Unterschied, dass weder erzählt wurde, wofür sie dies machten, noch eine Belohnung in Form von Spielzeug in Aussicht gestellt wurde. Die erste Gruppe erledigte ihre Arbeit immer noch engagiert, die zweite Gruppe war jedoch stark demotiviert und verlor schnell die Lust daran, diese Aufgabe zu erledigen. (Off-Topic: Eltern sollten vorsichtig sein, wenn sie materielle Anreize fürs Zimmer aufräumen oder gute Noten setzen.)
Kerzenproblem
Der zweite Versuch, ebenfalls aus dem Bereich der Psychologie, ist das Kerzenexperiment. Auf diesen bin ich durch Daniel Pink, einen amerikanischen Journalisten und Schriftsteller, aufmerksam geworden. Menschen werden in einen Raum gebracht, in dem auf einem Tisch folgende Gegenstände liegen; eine Kerze, einige Heftzwecke in einer Schachtel und ein paar Streichhölzer. Die Aufgabe besteht darin, die Kerze an der Wand anzubringen, ohne dass das Wachs auf den Tisch tropft. Die Lösung dieses Problems besteht in der Überwindung der sogenannten funktionellen Gebundenheit, nämlich die Schachtel nicht nur als ein Behältnis für die Heftzwecken zu sehen, sondern ebenfalls als einen Teil der Lösung. Für diese Aufgabe ist eindeutig kreatives Denken erforderlich. Nun wurden zwei Gruppen gebeten das Kerzenproblem zu lösen. Der ersten Gruppe wurde gesagt, dass sie zur Ermittlung einer Durchschnittszeit für die Bewältigung der Aufgabe dienen sollen. Der zweiten Gruppe wurden 5 US-Dollar angeboten, falls sie zu den 25 Prozent der Schnellsten gehören wird und der Schnellste der Gruppe sollte sogar 20 US-Dollar erhalten. Die zweite Gruppe brauchte im Durchschnitt 3,5 Minuten länger, um dieses Problem zu lösen.
Geld als Kreativitätskiller
Es ist relativ unstrittig, dass das Führen von Unternehmen auf allen Stufen der Hierarchie keine Routinearbeit, sondern stark erhöhte Anforderungen an das Denkvermögen und das kreative Denken stellt. Die aus diesen Experimenten ableitbaren Konsequenzen für das Verhaltens des Managements im Rahmen der modernen Bonussystemen oder extrem hohen festen Gehältern sind desaströs. Die Verhinderung von Kreativität und problemlösungsorientiertem Denken wird auf diese Art und Weise beim Management institutionell verankert. Ein für das Unternehmen nützliches Verhalten wird nicht nur durch das monetäre Anreizsystem effektiv verhindert, sondern sogar in einem erheblichen Umfang vermindert. Noch gefährlicher wird die Situation bei der Einstellung eines neuen Managers, der bereits ex-ante durch solch ein Belohnungssystem geprägt worden ist. Um überhaupt ein konstantes Leistungsniveau halten zu können, müssen in dem Fall die Belohnungen sogar zusätzlich gesteigert werden. Daraus entsteht in der Unternehmenswelt die zunehmend verbreitete absurde Situation, dass ein beträchtlicher Anteil des Gewinns eines Unternehmen, statt für die zukünftige Entwicklung der Firma reinvestiert zu werden, für die Entlohnung des Führungspersonals verwendet wird. Die Erwartungshaltung an Führungspersonen, die in solch einem Belohnungssystem groß geworden sind, sollte einer eingehenden Überprüfung unterzogen werden. Es ist in dem Kontext ebenfalls fraglich, ob unternehmensexterne Personen für Leitungspositionen eher geeignet sind, als z.B. langjährige Mitarbeiter. Diese könnten z.B. mittels Schulungen an die Aufgaben herangeführt werden. Hierbei müsste zwischen den Nachteilen der sogenannten Betriebsblindheit und der inneren Einstellung, ich wage sogar zu behaupten der Moral, der von außen kommenden Manager abgewogen werden. Die eingerichtete Transparenz, indem die Gehälter des Managements seit einiger Zeit offengelegt wurden, verschärfte zusätzlich diese desolate Lage. Zu berücksichtigen ist jedoch, dass in einigen skandinavischen Ländern Gehälter öffentlich eingesehen werden können, aber trotzdem keinen Wettbewerb um die höchsten Töpfe auslösten. Dies lässt stark auf kulturelle Unterschiede hinsichtlich der moralischen Einstellung schließen.
Noch zwei abschließende Bemerkung hierzu: die Forderungen die Gehälter im politischen oder wissenschaftlichen Bereich mittels dem dargestellten Belohnungsmechanismus an die wirtschaftlichen Gegebenheiten anzupassen, um angeblich die besten Köpfe anzuziehen, werden ähnlich verheerende Folgen wie in der Wirtschaftswelt nach sich ziehen. Interessant wäre ebenfalls eine Untersuchung der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise anhand des soeben dargestellten Anreizsystems, insbesondere im Bereich der Finanzindustrie.
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