Artikel mit ‘Enron’ getagged

Filmreview: Enron, the smartest guys in the room

Mittwoch, 09. Dezember 2009

In der Reihe Arthaus Collection wurde seit August eine Dokumentarfilmreihe herausgebracht. Eine der Dokumentationen ist von Alex Gibney und beschäftigt sich mit dem Aufstieg und Fall des Konzernes Enron, zu seiner Zeit die größte Unternehmenspleite in der amerikanischen Geschichte. Der Film gibt ein paar interessante Einblicke in die Geschichte von Enron und es lassen sich mehrere Schlussfolgerungen aus diesem Fall bilden. Die Geschichte von Unternehmen ist auch immer eine Geschichte von den dort arbeitenden Menschen, kann also davon nicht isoliert betrachtet werden. Die Menschen im Unternehmen werden von der Unternehmenskultur geprägt, und diese wird von der Unternehmensführung vorgegeben und vor gelebt. Der zweite wertvolle Ansatz zum Verständnis von Enron ist das Versagen aller Kontrollmechanismen aufgrund von persönlichen Netzwerken.

Die Philosophie des Unternehmens selbst wurde mit den Begriffen Respekt, Integrität, Kommunikation und Exzellenz (im Englischen repect, integrity, communication und excellence, abgekürzt RICE) dargestellt. In der externen Analyse dieser Unternehmenskultur fallen jedoch solche Begriffe wie Hybris (Überheblichkeit, bzw. Hochmut), hohe Risikobereitschaft (leider gibt es in der deutschen Sprache keine adäquate Übersetzung des Wortes „hazard“, eine Mischung aus Risiko, Leichtsinn und Gefahr; dafür gibt es den Hasardeur, also einen Draufgänger, Glücksspieler, leichtsinnige oder verantwortungslose Person ) und Gier. Der Film deutet eine große Begeisterung des Vorstandsvorsitzenden Skilling für das Buch „Das egoistische Gen“ von Richard Dawkins an. Skilling führte auch ein Anreizsystem in das Unternehmen ein, dass quasi eine natürliche Selektion abbilden sollte. Es wurde ein Bewertungssystem eingerichtet, und diejenigen mit der schlechten Bewertung wurden dann auch konsequent entlassen. Jedes Jahr wurden somit etwa 15% der Arbeitskräfte ersetzt. Es scheint immer noch ein Vorbild für manche Unternehmen zu sein. Das Buch von Dawkins ist möglicherweise ein Schlüssel für das Verständnis der Wirklichkeitsauffassung des Managements, bzw. der Schlüssel für die Unternehmenskultur von Enron. Um das vorwegzunehmen, halte ich die Theorie von Memen (eine Art Evolution der Ideen) bei Dawkins für sehr interessant, allein deswegen ist das Buch lesenswert.

Um vielleicht die Sichtweise von Skilling auf die Wirklichkeit zu fassen, werden ein paar kleine Passagen aus dem Kapitel „Krieg der Generationen“ (im englischen lautet das Kapitel „Battle of the generations“, also Kampf der Generationen, das klingt aber nicht so auf-reißerisch) zitiert.

„Ich betrachte eine Mutter als eine Maschine, die so programmiert ist, dass sie alles in ihrer Macht Stehende tut, um Kopien der in ihr eingeschlossenen Gene zu verbreiten. … Die Mutter ist, wie jedes andere Lebewesen, zweimal so nahe mit sich selbst „verwandt“ wie mit irgendeinem ihrer Kinder. Unter sonst gleichen Umständen würde das bedeuten, dass sie den Großteil ihrer Mittel eigennützig in sich selbst investieren sollte; aber die sonstigen Umstände sind nun einmal nicht gleich. Sie kann ihren Genen mehr gutes tun, wenn sie einen angemessenen Teil ihres Kapitals in ihre Kinder investiert, denn diese sind jünger und hilfloser als sie und können daher stärker von jeder angelegten Einheit profitieren als sie selbst.“

Das Individuum wird bei Dawkins als eine eigennützige Maschine angesehen, die programmiert ist, alles zu tun, was für ihre Gene als Gesamtheit von Vorteil ist. Auffallend ist der häufige Gebrauch von Begriffen aus der Informatik (Maschine, programmiert) und der Wirtschaftswissenschaften (investieren, Kapital, profitieren) um das Verhalten von Lebewesen zu erklären. Der letzte Satz erinnert stark an den Grenznutzen aus der Volkswirtschaft und die optimale Allokation von Ressourcen. Es scheint so, als ob das Buch eher für Wirtschaftswissenschaftler als für Biologen geschrieben wurde. Man könnte aber auch über eine zunehmende Ökonomisierung der Biologie sprechen. Das Verhalten des angenommenen berühmt-berüchtigten „homo oeconomicus“ aus der Wirtschaftswissenschaft findet bei Dawkins seine biologische Berechtigung. Seit Darwin finden sich zahlreiche primitive Versuche einer Übertragung der Evolutionstheorien in die Ökonomie. Ausgehend vom Dawkins würde sich die Selbsterkenntnis darauf beschränken, dass man nur eine eigennützige Maschine mit egoistischen Genen ist. Dies führt dann unmittelbar zur Berechtigung des eigenen Verhaltens. Die andere Schlussfolgerung besteht in der Lebenseinstellung, dass die Welt ein Spiel ist, in der nur die Kleversten (engl. smart), wohlgemerkt nicht die Intelligentesten, überleben. Die Evolutionsidee wurde sowohl intern in der Errichtung von Selektionsmechanismen der Kleversten umgesetzt, wie extern mit der Transformation, bzw. Evolution des Gaspipeline-Betreibers zum virtuellen Energiehändler. Erwähnenswert ist ebenfalls die geschätzte Macho-Kultur im Unternehmen. Sich zufällig ergebende Analogien hinsichtlich Investmentbanker und Vorstände von bestimmten Banken sind voll beabsichtigt.

Die Rolle der Rating-Agenturen

Donnerstag, 22. Januar 2009

Eine der beteiligten Akteure bei dem ganzen Schlamassel, genannt die Finanzkrise, waren die drei großen privaten Rating-Agenturen Standard & Poor’ s und Moody’ s aus den USA, außerdem noch Fitch Ratings aus Großbritannien. Ihre Arbeit besteht in dem Bewerten von Unternehmen, Ländern und z.B. verbrieften Wertpapieren hinsichtlich ihrer Bonität (ihrer Kreditwürdigkeit). Investoren weltweit richten sich nach ihren Bewertungen, dementsprechend ist ihr Einfluss immens groß. Verschlechtert sich die Kreditwürdigkeit eines Landes, wird die Kreditaufnahme des entsprechenden Landes sofort erschwert bzw. verteuert. Ein aktueller Fall ist die Bewertung der Zahlungsfähigkeit von mehreren EU-Ländern wie Spanien, Griechenland, Portugal und Irland. Alle vier Länder wurden hinsichtlich ihrer Bonität abgestuft. Natürlich verschlechtert in diesem Fall das Rating nicht allein die Kreditaufnahme dieser Länder, sondern wirkt sich direkt auf die Währungsstärke des Euro aus und erzeugt Spannungen auf den Zusammenhalt zwischen den EU-Ländern. Das Verfahren, das zu einer Bewertung führt, wird nicht öffentlich gemacht. Dies verhindert eine mögliche Überprüfung der angewandten Kriterien. Letztendlich ist ein Rating zu einer Geheimwissenschaft geworden. Alle in der ökonomischen Welt fürchteten jedoch das Urteil der mächtigen Rating-Agenturen.

Die schädlichen Auswirkungen eines Ratings wurden bereits in dem Fall Enron deutlich. Moody’ s und Standard & Poor’ s bescheinigten dem Energieriesen Enron noch fünf Tage vor dessen Insolvenz eine gute Bonität. Sie erstellten auch beste Bewertungen für hypothekarisch besicherte Anleihen (mortgage-backed securities), d.h. Wertpapiere, die durch Vermögenswerte wie Immobilien abgesichert waren, womit wir wieder bei der Finanzkrise angekommen sind. Die Banken, die diese Papiere aufkauften, verließen sich auf die Bewertung der Rating-Agenturen. Wer sich auf andere verlässt, wird verlassen. Es lassen sich mehrere Gründe für diese gute Bewertung der strukturierten (mit strukturiert meint man die Bündelung von tausenden Immobilienkrediten, so werden Kredite guter Bonität mit Krediten mittlerer und schlechter Bonität zusammengestellt und als verbriefte Wertpapiere aber wieder mit guter Bonität an Investoren verkauft) Kredite finden. Bei den Rating-Agenturen lassen sich verschiedene Interessenkonflikte identifizieren. Sie werden von Unternehmen, die sie bewerten bezahlt. Insbesondere große Unternehmen sind natürlich große Kunden, die viel Geld bei den Rating-Agenturen lassen, dieser Konflikt tritt auch bei Prüfungsgesellschaften auf. Die großen Rating-Agenturen kommen alle aus dem anglo-amerikanischen Raum, beherrschen über 90% ihres Marktes, bei Unternehmen, die in den amerikanischen Börsen notiert sind, sind nur diese drei Rating-Agenturen für die Unternehmensbewertung von der amerikanischen Börsenaufsichtsbehörde zugelassen. Es ist schwer vorstellbar, dass der amerikanische oder britische Staat keinen Einfluss auf diese drei Agenturen ausüben kann.

Es ist auch interessant sich mit der Arbeitsweise der Rating-Agenturen zu beschäftigen. Es gibt mehrere unternehmensinterne Memos, die dafür sehr aufschlussreich sind. Beispielsweise gibt es dieses Gespräch zwischen zwei Analysten.

Analyst 1: Das Modell schafft es nicht mal die Hälfte der Risiken zu berücksichtigen.
Analyst 2: Wir sollten dafür kein Rating abgeben.
Analyst 1: Wir geben für Alles ein Rating, es könnte von Kühen strukturiert sein, und wir würden es bewerten.

Ein anderes Beispiel ist die Aussage eines Managers einer von diesen Rating-Agenturen; „Wir hatten Scheuklappen auf, und stellten die uns gegebenen Informationen nie in Frage. Diese Fehler stellen uns entweder als völlig inkompetent bezüglich der Kreditanalyse dar, oder als ob wir unsere Seele an den Teufel wegen des Profits verkauft hätten, oder etwas von beiden.“

„Lass uns hoffen, dass wir alle reich und in Rente sind, wenn dieses ganze Kartenhaus zusammenbricht.“ Dies scheint eine verbreitete Einstellung zu sein, nach mir die Sintflut.

Die EU-Kommission scheint den Ernst der Lage erkannt zu haben. Nach einem ersten Entwurf dürfen Banken, Versicherer und Fondsgesellschaften nur noch Ratings verwenden, die von EU lizenzierten Bonitätsprüfern stammen. Die Lizenzierung und Aufsicht sollen von nationalen Behörden übernommen werden. Rating-Analysten sollen nicht länger als vier Jahre einen Kunden bewerten. Es dürfen keine Beratungsdienstleistungen von den Rating-Agenturen erbracht werden, insbesondere keine Hilfe bei der Strukturierung der forderungsbesicherten Anleihen um ein gutes Rating zu kriegen! Bei Abwesenheit von zuverlässigen Informationen darf kein Rating vorgenommen werden etc. Alle diese möglichen Verordnungen sind ein Schritt in die richtige Richtung, aber wieso erst jetzt, und nicht schon z.B. 2001?

Quelle 1:washington post
Quelle 2:EU-Kommission
Quelle 3:Bewertung von EU-Ländern