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Aussichten für das Jahr 2010, Teil II Jared Diamond

Dienstag, 26. Januar 2010

Jared Diamond, ein Evolutionsbiologe, fällt aus der Reihe der Untergangspropheten, weil er schlicht kein Dr. Doom ist. Die Gründe dafür sollen nun näher beleuchtet werden. In seinem Buch „Kollaps – warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ beschreibt Diamond anhand von Beispielen von mehreren Gesellschaften die Gründe für ihr Verschwinden, jedoch werden ebenfalls Gesellschaften vorgestellt, die sich relativ erfolgreich in der Vergangenheit behauptet haben. Die Einzelheiten sollten auf jeden Fall selbst nachgelesen werden, in dem Zusammenhang wird z.B. auch die tragische Vergangenheit und Gegenwart der Insel Hispaniola und ihren Einwohnern in Haiti und der Dominikanischen Republik verständlich. Der Fokus soll sich jedoch auf die Erklärungsversuche für das Verhalten der erfolglosen Gesellschaften im vierzehnten Kapitel des Buches richten. Diamond selbst teilt die Erklärungen für das Scheitern von Gesellschaften in vier Kategorien ein.

Die erste Kategorie ist die Unfähigkeit einer Gesellschaft ein Problem vorauszusehen. Die Gründe hierfür können aus tatsächlicher Unwissenheit, der berühmte schwarze Schwan von Taleb, Vergessenheit oder eines falschen Analogieschlüsses einer Gesellschaft liegen. Alle drei Erklärungen könnten z.B. auch für eine Begründung der aktuellen Finanzkrise herangezogen werden Die Krise ist etwas völlig neues, die alten Krisen wurden vergessen oder die Bekämpfung der neuen Krise soll analog oder im Gegensatz zu vergangenen Krisen erfolgen. In der Hinsicht interessant ist das kurze und selektive Gedächtnis einer Gesellschaft, obwohl die vergangen Erfahrungen seit Jahrhunderten recht umfassend schriftlich festgehalten wurden. Eine durchaus problematische Rolle kommt jedoch insbesondere bei der Interpretation der Vergangenheit der Wirtschaftswissenschaft zu.

Die zweite Kategorie ist die Unfähigkeit ein Problem zu erkennen, obwohl es bereits eingetreten ist. Neben der Unwissenheit und der Distanz, ist wahrscheinlich die Problematik der sogenannten „schleichenden Normalität“ und der „Landschaftsvergesslichkeit“, könnte auch graduelle Desensibilisierung genannt werden, hervorzuheben. Die „Landschaftsvergesslichkeit“ soll die Unfähigkeit, eine langsame graduelle Veränderung der Landschaft bemerken zu können, ausdrücken. Das Phänomen der „schleichenden Normalität“ beschreibt den Fall, indem ein Problem zu einem allmählichen Trend, verborgen hinter starken Schwankungen, wird. Ein gutes Beispiel hierfür könnte die Globale Erwärmung sein. Die Zunahme von sehr warmen Sommern und sehr kalten Wintern gestaltet die Erkennung des Trends allmählicher Erwärmung äußerst schwierig. Ähnliches betrifft die Möglichkeit des „Peak Oil“, die sich möglicherweise hinter der Zunahme der starken Schwankungen des Erdölpreises versteckt.

In die dritte Kategorie fällt die Unfähigkeit ein Problem zu lösen, trotz des Wissens um das Problem. Hierzu werden als Erklärung Interessenkonflikte aufgrund von rationalen und irrationalen Verhalten gezählt. Ein spezieller Fall des Interessenkonfliktes ist die sogenannte „Tragödie des Gemeineigentums bzw. Allmende“. In der Spieltheorie ist dieses Problem eng verwandt mit dem sogenannten „Gefangenendilemma“. Diese Theorie von John Nash, einem Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaft von 1994, verstärkte zumindest die Sichtweise auf den Menschen, als eigennutzmaximierende Maschine. Auch der Spruch, dass individuelle Rationalität zur kollektiven Irrationalität führt, leitet sich unter anderem daraus ab. Erfreulicherweise gibt es in den Wirtschaftswissenschaften verstärkt Bemühungen zur Lösung dieses speziellen Falls, bzw. zu einer längst fälligen Korrektur dieses Scheinproblems. Eine Wirtschaftswissenschaftlerin, Elinor Ostrom, gewann sogar 2009 den Nobelpreis für ihre Forschung in diesem Bereich, was leider in der öffentlichen Debatte kaum zur Kenntnis genommen wurde.

Als letzte Kategorie wird das Scheitern der Bemühungen, nachdem das Problem erkannt worden ist, erwähnt. Die Gründe hierfür sind mannigfaltig und könnten z.B. in mangelnden Fähigkeiten, unbezahlbaren Lösungen oder zu später Erkenntnis liegen. Anstatt also einen Weltuntergang zu prophezeien veranschaulicht Diamond scharfsinnig die Ursachen und Erklärungen des Verhaltens von Gesellschaften, die zu ihrem Untergang führten.

Aussichten für das Jahr 2010, Teil I Barton Biggs

Freitag, 22. Januar 2010

Am Anfang eines Jahres stellt sich oft die Frage, wie das Jahr werden wird. Letztens ist ein netter Artikel mit den Prognosen von 12 sogenannten Dr. Dooms erschienen, der die Zukunftsaussichten der prominentesten Untergangspropheten oder möglicherweise zutreffender geschrieben der Pessimisten zusammenfasst. Allen Vorhersagenden ist gemein, dass sie der ökonomischen Zunft, außer Jared Diamond, entstammen. Das Ziel des Artikels ist es, ein paar Wenige der Dr. Dooms und ihren Argumenten vorzustellen, die im Gegensatz zu z.B. Soros oder Stiglitz immer noch jedenfalls in der deutschen Öffentlichkeit relativ unbekannt sind. Es lohnt sich immer die Meinungen der „Insider“ aus der Finanzwelt zu berücksichtigen, unabhängig von der Treffsicherheit ihrer Aussagen. Man sollte sie ernst, aber nicht zu ernst nehmen. Am meisten fällt wahrscheinlich Taleb aus der Reihe, der aus guten und von ihm selbst geschriebenen Gründen eigentlich keine Vorhersage macht.

Fangen wir heute mit Barton Biggs, einen langjährigen Ex-Manager bei der Investmentbank Morgan Stanley, der dort die Forschungsabteilung mit aufgebaut hat, an. Seine berühmte treffende Prognose betraf z.B. dem Börsensturz beim Platzen der Dotcomblase Anfang des 21. Jahrhunderts im Gegensatz zu seiner schlechten optimistischen Prognose für Mexiko, kurz bevor der Peso abgestürzt ist. Sein Ratschlag für die nächsten Jahre ist wahrscheinlich der extremste der ganzen Truppe.

In seinem Buch „Wealth, War and Wisdom“ scheint er einen Zusammenhang zwischen dem Börsengeschehen und den kritischen historischen Zeitpunkten, den sogenannten „turning points“ für die Sieger- und Verlierermächte im zweiten Weltkrieg gefunden zu haben. Die Börsen in den jeweiligen Ländern sollen seiner Meinung nach, diese Zeitpunkte vor der Öffentlichkeit erkannt und in Form von steigenden oder fallenden Aktienkursen widergespiegelt haben. Letztlich stellt das Buch eine Art Lobgesang für die Weisheit der Massen, in Form des Marktes, der immer Recht hat, dar, ganz im Gegensatz zu der vernichtenden Kritik der Intelligenz der Massen von beispielsweise Le Bon. Über die Weisheit oder Intelligenz der Massen lässt sich durchaus diskutieren, auch die Frage, wieweit der Markt, insbesondere die Börse ein Spiegelbild der Massen sein könnte. So fängt das Buch relativ harmlos an.

Die Vermögensvernichtung im zweiten Weltkrieg ist dann aber der Ausgangspunkt für den zweiten Teil des Buches, nämlich eine Art Handlungsfaden für die Rettung von Vermögen in extremen Krisenzeiten. Seine Ratschläge sind bei zukünftigen Krisen, um es kurz zusammenzufassen, sich Land zu kaufen um eine Art Subsistenzwirtschaft aufzubauen, und den Rest des eigenes Vermögens ins sichere Ausland zu transferieren, bzw. Gold oder Juwelen zu kaufen und es zu vergraben. In jedem Jahrhundert findet seiner Meinung nach mindestens eine gigantische Vermögensvernichtung statt, und so sollte man sich also darauf vorbereiten. Biggs entwickelt somit implizit ein Weltuntergangszenario in näherer Zukunft vergleichbar mit dem zweiten Weltkrieg. Das eigentliche Rätsel bleibt es, wie ein rationaler Mensch zu solch einem Ergebnis kommt. Die Tatsache ist, dass die am meisten rational geltenden Berufsgruppen, wie Physiker, Mathematiker und auch einige Ökonomen, die zum Teil am meisten irrationalen Ansichten vertreten. Jedenfalls weiß man nun, was Biggs mit seinem großem Vermögen anstellen wird.

Deregulierung als mögliche Ursache der Finanzkrise, Teil I

Freitag, 27. November 2009

Die Abkehr von dem Glass-Steagall-Act

Der Glass-Steagall-Act von 1933 wurde als Antwort auf die Bankenkrise der 30er Jahre von der Roosevelt-Administration eingeführt. Der Kern dieser Maßnahme zielte auf die strikte Trennung von kommerziellen Banken, also Geschäftsbanken und Investmentbanken. So sollte die Verwaltung und der Schutz von Bankkundeneinlagen von den risikoreichen Anlagegeschäften separiert werden. Hiermit wurde eine neue duale Struktur in der Finanzwirtschaft erreicht.

Zwischen 1932-1934 wurde ein Ausschuss gebildet um die Vorgänge in den amerikanischen Banken während der letzten Jahren zu untersuchen, der sogenannte Pecora-Ausschuss. Dieser Ausschuss ermittelte mehrere von einander unabhängige Probleme, von denen die zwei wichtigsten genannt werden sollen. Die Einlagen der Bankkunden waren hohen Risiken ausgesetzt, indem sie von den Banken für den Handel auf dem Börsenmarkt benutzt wurden und die Anlageberatung war durch das Geschäftsverhältnis mit den auf die Börse gebrachten Unternehmen von einem starken Interessenkonflikt geprägt. Diese Interessenkonflikte sollten durch den Glass-Steagall-Act gelöst werden, indem keine kommerzielle Bank in den meisten, hauptsächlich den risikoreichen Geschäftsbereichen einer Investmentbank tätig werden konnte und umgekehrt. Ebenso wurde Bankern verboten gleichzeitig in beiden Institutionen tätig zu sein. Bereits kurz nach dem Erlass dieser Regulierungsmaßnahme versuchte die Finanzindustrie, diese zu umgehen. Sie nutzte eine Lücke, weil Bankholdings darin nicht erfasst wurden. So konnte eine Geschäftsbank und eine Investmentbank in einer Holding, einer Art Beteiligungsgesellschaft, zusammen gemanagt werden. Als Antwort darauf wurde der Bank Holding Company Act 1956 erlassen, der genau dies untersagte. Dieser enthielt jedoch wiederum eine Lücke; Ausnahmen waren möglich, falls die FED dies erlaubte und sie nutzte dies auch unter dem Druck der Banken und deren Fusionen großzügig aus. Eine noch größere Aufweichung der Regelung entstand durch eine Entscheidung des Supreme Courts, oberste Gerichtsinstanz der USA, die eine Einmischung der Gerichte bezüglich der Entscheidungen der FED untersagte.

Die schleichende Auflösung des Glass-Seagall-Act fing in den 80er Jahren an. Im Dezember 1986 stellte die FED fest, dass bis zu 5% des Umsatzes einer Geschäftsbank aus dem Geschäftsbereich von Investmentbanken stammen dürfen. In den nächsten Jahren wurde die Grenze auf 10% angehoben, und 1996 auf 25%. Der Finanzminister der USA, Rubin sagte vor dem Bankausschuss des Kongresses 1995, dass die Verteilung des Risikos auf viele unterschiedliche Geschäftsbereiche das Gesamtrisiko der Bank reduzieren würde. Der Glass-Steagall-Act würde damit paradoxerweise in der heutigen Zeit ein immenses Sicherheitsrisiko darstellen. 1999 würde er dann nach 12 Anläufen in den letzten 25 Jahren durch den Financial Modernization Act, auch bekannt als Gramm-Leach-Bliley-Act faktisch zu Grabe getragen. In dem allgemeinen Medienecho wird getan, als ob der Glass-Steagall-Act erst durch die Wirtschaftskrise 2008 abgedankt hätte, indem Investmentbanken den Status von Geschäftsbanken bekamen. Das Desaster u.a. der Citigroup zeigt aber, dass der Erosionsprozess der Regulierung von Banken schon viel früher erfolgt ist.

Quelle I:Sold Out - ein ausführliches Buch zur Deregulierung in den USA
Quelle II:kleine Chronik des Glass-Steagall-Act
Quelle III: Joseph Stiglitz zur Deregulierung

Neue Finanzblase ?

Sonntag, 22. März 2009

Die letzte Woche von der amerikanischen Notenbank angekündigten Käufe der langjährigen Staatsanleihen und der hypothekengesicherten Anleihen im Wert von über einer Billion US-Dollar können langfristig für die amerikanische Finanzwirtschaft nicht folgenlos bleiben. Eine mögliche Folge wäre die Entstehung einer neuen Finanzblase, analog zu dem Entstehen der Immobilienkreditblase nach dem Platzen der Dot-Com-Blase. Das Video verdeutlicht die mögliche Konsequenz dieser Politik.