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Was geschah in Japan und wiederholt sich die Geschichte? Teil II

Dienstag, 30. Dezember 2008

Charles Kindleberger identifiziert in einem Klassiker hinsichtlich Finanz- und Wirtschaftskrisen „Manias, Panics, and Crashes“ drei Faktoren, die für die japanische Immobilienblase in den 90er Jahren hauptsächlich verantwortlich waren. Der erste Faktor bestünde in den steigenden Immobilienpreise seit den 1950ern Jahren und deren psychologische Auswirkung. Die Rendite für Immobilien war in Japan seit mehr als 30 Jahre vor 1990 positiv im Vergleich zu den meisten anderen Anlagen. Hier erwähnt er eines der hartnäckigsten Klischees in der Finanzwirtschaft „Grundstücke (Immobilien) sind eine gute Anlagemöglichkeit, deren Preis steigt immer“. Eine Abwandlung dieses Vorurteils ist „Grundstücke (Immobilien) sind eine gute Anlagemöglichkeit, es gibt davon immerhin nur eine begrenzte Anzahl“. Die japanischen Investoren nahmen beide Klischees für bare Münze, es stimmte ja auch für die letzten 30 Jahre. Diese psychologische Einstellung ist nicht allein auf japanische Investoren beschränkt. Ein Sprichwort verdeutlicht möglicherweise diesen Sachverhalt. „Die erste Generation erarbeitet sich ein Vermögen, die zweite Generation verwaltet dieses Vermögen und die dritte Generation verprasst letztendlich dieses Vermögen. Die vierte Generation muss sich dann wieder von vorne das Vermögen erarbeiten.“ Zwei Ursachen können für diese Wendungen bzw. Zyklen verantwortlich sein. Erstens kann der kurzfristige Erfahrungshorizont eines Menschen beschränkt auf ein Leben von vielleicht 70 oder 80 Jahren, dessen wirklich produktive Spanne vielleicht zwei bis drei Jahrzehnte beträgt, für diesen Effekt ursächlich sein. Man wird in dieser Lebensphase von den eigenen Erfahrungen geprägt und gegenüber historischen Geschehnissen (wie z.B. Preisentwicklungen über mehrere Jahrzehnte) immunisiert. Der zweite mögliche Faktor ist der Wunsch der Eltern, dass ihre Kinder besser als sie selbst in ihrem Leben situiert sein sollen. Diese Zyklen sind wahrscheinlich unabhängig von dem vorherrschenden Wirtschaftssystem.

Der zweite bedeutende Faktor für Kindleberger war die Liberalisierung der japanischen Finanzmärkte. Die Unternehmen wurden unabhängiger von den Banken, konnten sich nun auch Kapital von den Finanzmärkten beschaffen. Die Banken suchten deshalb aggressiv nach neuen Kunden und Märkten. Dies führte zu der Einrichtung von Kreditinstituten, den „jusen“, die als Zwischenhändler für die Banken tätig waren. Dies war nötig um Zinskontrollen der japanischen Notenbank zu umgehen. Die Vergütung der Bankmanager war sogar abhängig von dem Kreditwachstum ihrer Bank im Vergleich zu dem der Konkurrenten. Der dritte und letzte Faktor für die Immobilienblase bestand in der Ausweitung der Geldmenge in der zweiten Hälfte der 80er. Diese wurde durch die japanische Notenbank verursacht, die eine Aufwertung der japanischen Währung, des Yen, verhindern, bzw. verlangsamen wollte. Eine starke Währung wäre für das Exportland Japan schädlich. Die Geldmenge ist stark angewachsen. Dadurch sind ebenfalls die Geldreserven der Banken gestiegen und somit konnten sie die Menge an Krediten ebenfalls erhöhen. Die Ausweitung der Geldmenge der FED, die Liberalisierung der Finanzmärkte und der psychologische Effekt (die Preise für Häuser werden ewig ansteigen) als Ursachen der Immobilienblase in den USA ist mit der japanischen Entwicklung durchaus in einem hohen Maße vergleichbar.

Quelle: „Manias, Panics, and Crashes“ Charles Kindleberger

Was ist in Japan geschehen und wiederholt sich die Geschichte heute in den USA und Europa? Teil I

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Die wirtschaftliche Situation Anfang der 90er Jahre in Japan, damals immerhin der zweitgrößten Wirtschaftsmacht auf der Welt, ist durchaus vergleichbar mit der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten. Seit dem Jahr 1953 bis Ende der 80er Jahre erlebte Japan eine starke Wachstumsphase. Bedingt war das Wachstum durch mehrere Gründe. Die japanische Banken waren mit den Unternehmen eng verbunden, hatten hohe Anteile an den Firmen, und sie waren in der Regel die einzigen Kreditgeber. Durch diese symbiotische Beziehung konnten langfristige Unternehmensstrategien verwirklicht werden. Die Währung Japans, der Yen, war in den sechziger und siebziger Jahre schwach und in Verbindung mit dem Schutz des japanischen Marktes durch die Regierung konnten sich die japanischen Unternehmen hohe Marktanteil im Ausland erkämpfen. Ein weiterer Faktor war sicherlich der Fleiß und die Disziplin der japanischen Bevölkerung. Ein Ausdruck der japanischen Kultur lässt sich durchaus in der dort entwickelten Managementmethode, TQM (Total Quality Management) finden. Die japanischen Unternehmen nahmen ungemein viel Rücksicht, im Vergleich zu den westlichen Konkurrenten, auf Wünsche der Kunden, bzw. Konsumenten. TQM ist ein Ausdruck der permanenten Verbesserung nicht allein der Produkte, sondern auch des eigenen Geistes und Körpers, tief verankert in der japanischen Mentalität. In den Achtzigern entstand eine regelrechte Panik wegen dem Erfolg japanischer Unternehmen in den amerikanischen und europäischen Vorstandsetagen.

Im Dezember 1989 erreichte der Nikkei, die japanische Aktienbörse, den Stand von 38 915 Punkten. Vier Jahre zuvor im Jahr 1985 einigten sich die Finanzminister der G7-Staaten darauf, den US-Dollar abzuwerten. Daraufhin senkte im nächsten Jahr die japanische Notenbank den Leitzins frei nach Keynes um den Export und die Binnenwirtschaft anzukurbeln. Im Jahr 1987 senkte die Notenbank den Leitzins nochmal auf 2,5 %. Durch die billigen Kredite und das Sparverhalten der Japaner auf einem sehr hohen Niveau wurden die Banken und Unternehmen mit Geld für Investitionen überschüttet. Das Schuldenniveau ist immens angestiegen; Anzahl der Kreditkarten um 200 %, Bankschulden um 724 Milliarden und Konsumentenkredite um 700%. Die japanische Börse und der Immobilienmarkt erlebten einen historischen Boom. Das Gelände, auf dem der Kaiserliche Palast steht, soll mehr Wert gewesen sein als ganz Kalifornien. Die Spekulationsblase wurde der japanischen Notenbank langsam unheimlich. Im Jahr 1989 erhöhte die Notenbank dann in zwei Schritten den Leitzins von 2,5 % auf 3,75 %. Und dann platzte auf einmal im Jahr 1990 die Spekulationsblase. Der Nikkei 225, enthält die 225 größten Unternehmen Japans, halbierte sich innerhalb von zwei Jahren. Im Jahr 1992 rutschte dann Japan in die Rezession, die Finanzkrise ist in der realen Wirtschaft angekommen. Die japanische Notenbank versuchte mit Zinssenkungen das Fortschreiten des wirtschaftlichen Desasters zu verhindern. Bis 1995 senkte sie den Leitzins auf 0,75 %. Dieser Zinssatz schwankt bis heute zwischen 0 % und 1 %. Im Jahr 1993 wurden 4,3 Billionen Yen von den Banken als faule Kredite abgeschrieben., ein Jahr später wurden nochmal Abschreibungen im Wert von 5,7 Billionen Yen vorgenommen. Die Banken sahen sich gezwungen ihre Kreditvergabe drastisch einzuschränken. Darunter litten die Unternehmen und private Haushalte. Bis heute wird der Bankensektor und viele Geldinstitute (Zombie-Banken) als auch Unternehmen von Japan künstlich am Leben gehalten. Es wurden, neben der Leitzinssenkung, mittels einer Steigerung der Staatsschulden massive Investitionen in die japanische Infrastruktur getätigt. Max Otte spricht von einer (bis vor zwei Monaten, eigene Anmerkung) beispiellosen Niedrigzins- und Defizitpolitik.

Die Rolle des japanischen Finanzministeriums und der Aufsichtsbehörde darf bei der ganzen Misere nicht unterschätzt werden. Als die Aktienkurse zu sinken begannen, ließen sie es zu, dass Banken in den Jahresabschlüssen die uneinbringlichen Kredite nicht abgeschrieben haben. Außerdem hatten sie damals und auch heute einen hohen Einfluss auf die Geschäftspolitik der Banken und Unternehmen. So wurde der Kreditboom etwas länger am Leben erhalten. Ein anderer interessanter Aspekt ist die Zunahme von Finanzspekulationen der Unternehmen in den späten 80er Jahren. Anstatt Produkte herzustellen und zu verkaufen, widmeten sich die Industrieunternehmen immer mehr den Finanzmärkten (so werden Erinnerungen wach an GE oder Porsche). Im März des Jahres 1988 am Ende des Geschäftsjahres betrug der Anteil am Gewinn durch Spekulationsgeschäfte von Toyota 38 %, von Matsushita Electric 59 %, von Nissan 65 % und von Sony 63 %.

Quelle: „Der Crash kommt“ Max Otte
Quelle: „Der heimliche Raubzug“ Gregory J. Millman