Die Delatio und Apologie des Sloterdijk
Freitag, 26. Juni 2009Delatio:
Eine anfangs durchaus ernsthafte philosophie-geschichtliche Abhandlung des Verhältnisses von Philosophie und Ökonomie von einem der wenigen deutschen Philosophen Peter Sloterdijk verwandelt sich ab der Mitte des Essays zu einem undurchdachten und unreflektierten ideologischen Nonsens. Durch Ad sinistram stieß ich auf den Artikel von Sloterdijk in der FAZ. So scheint langsam der Niedergang der intelektuellen Eliten mit diesem Artikel eingeläutet zu werden. Das geldsaugende Ungeheuer, der Staat, wird heraufbeschworen. Die Enteignung per Einkommenssteuer findet darin einen fragwürdigen Vergleich mit der sozialistischen Enteignung. Allein die Verwendung des Wortes Enteignung in diesem Kontext spricht nicht für eine durchdachte Argumentation. Schamhaft soll von der sozialen Marktwirtschaft gesprochen werden, einer der Gründe auf dieses Land stolz zu sein. Sloterdijk sollte vielleicht einen Besuch von schlanken Staaten, also mit viel geringerer Staatsquote und niedrigeren Steuern als Deutschland, wie Chile oder Kolumbien machen. Meine Präferenz wäre es zum Beispiel, eher in Dänemark als in Kolumbien zu leben. Es werden auch die grundlegenden Probleme unserer Zeit identifiziert, Überregulierung, Übersteuerung und Überschuldung. Ein von Mises oder Friedman wäre sicherlich stolz auf Sloterdijk. Die Produktiven werden von den Unproduktiven ausgebeutet (sic), dies soll eine plausible These sein. Auch Keynes kriegt sein Fett ab. Letztendlich ist so die nächste große Phase der Enteignung wegen der Schuldenpolitik vorprogrammiert. Hierzu zählt Sloterdijk Abschreibungen, Insolvenzen, Währungsreformen und Inflation. Vielleicht ist hier am deutlichsten zu erkennen, wie unzureichend die ökonomische Unkenntnis des Philosophen ist. Dies könnte die Folge sein, wenn sich Philosophen über ökonomische Zusammenhänge Gedanken machen. Schuster bleib bei deinen Leisten, muss man leider seufzen.
Der Schlusspunkt bildet eine wirklich naive Vorstellung von der Freiwilligkeit der gebenden Hand der Produktiven. Die Abschaffung von Steuern und deren Umwandlung in Geschenke an die Allgemeinheit sollen so dem Stolz zu einem Sieg über die Gier verhelfen. Ein anschauliches Beispiel für diesen Sieg bilden die „Gated Communities“ in Osteuropa, Nord- und Südamerika. Diese könnten eine Wiederholung der früheren und ersten Einzäunung, des ersten Diebstahls, darstellen. Nein, die Wohlhabenden sollten nicht noch zusätzlich überfordert werden, indem von ihnen Weisheit verlangt wird. Die Klugheit ist schon ein fast utopisches Ziel. Diese zusätzliche Bürde sollte ihnen mittels steuerlichen Regelungen abgenommen werden. Außerdem ist die Forderung nach der sozialen Verpflichtung des Eigentums im Grundgesetz eindeutig formuliert, auf eine Freiwilligkeit kann also durchaus verzichtet werden. Es bleibt nur zu hoffen, dass das philosophische Quartett nicht auf dieses Niveau abrutscht.
Apologie:
Dies ist eine mögliche, aber nicht einzige Interpretation des Artikels von Sloterdijk. Eine andere Leseweise könnte dagegen mehrere Widersprüche des Geschriebenen herauskristallisieren. Erstens lässt sich bei dem Artikel die liberale Perspektive nicht gänzlich Sloterdijk zuordnen. Dass er gerne provoziert, ist eindeutig. Bei der Darstellung des Staates, als nehmendes Ungeheuer, schreibt er aus der Sicht von liberalen Beobachtern, bei der Ausbeutungsumkehrung von Autoren mit liberalen Tendenzen. Zweitens schreibt Sloterdijk von verheerenden postdemokratischen Konsequenzen, falls sich diese liberale These von der Ausbeutung der Produktiven in der Gesellschaft durchsetzt. Und diese liberale These scheint für ihn leider immer mehr an Kraft zu gewinnen. Die daraus entstehenden Konsequenzen bestünden in einer Desolidarisierung der Gesellschaft mit furchtbaren Folgen. Der Schlusspunkt könnte eine ernst gemeinte Warnung an die Mächtigen und Wohlhabenden sein, sich nicht vom Rest der Gesellschaft zu trennen, sondern endlich Verantwortung zu übernehmen. Als letztes Argument soll auf die aufgebaute Struktur des Artikels eingegangen werden. Zuerst wird die sozialistische, dann die liberale Ideologie vorgestellt um beide letztendlich ad absurdum zu stellen. Es bleibt jedem selbst überlassen, sich eine eigene Meinung zu bilden.