Der Nutzen einer Beschäftigung mit der Massenpsychologie soll angesichts der Wirtschaftskrise erläutert werden. Es wird beim Leser um Geduld gebeten, denn der Bogen zu den aktuellen Geschehnissen unserer Zeit wird erst zum Ende gespannt. Gustav Le Bon, ein französischer Arzt, hat als einer der Ersten in seinem Buch „Die Psychologie der Massen“ aus dem Jahr 1895 versucht, einen theoretischen Überbau für die Phänomene des Massenverhaltens, sogar noch vor den beiden verheerenden Weltkriegen der Massen, zu liefern. Seine Erkenntnisse können einen wertvollen Beitrag für eine Erklärung der Finanzkrise im 21. Jahrhundert liefern und ein Verständnis für kollektiven Irrationalismus, entstehend aus rationalen Individualismus, entwickeln. Zuerst ist es jedoch notwendig, sich mit seiner Theorie zu beschäftigen, um sein Werk in einem Zusammenhang mit der heutiger Zeit setzen zu können.
Die Masse tritt nach Le Bon nur unter bestimmten Umständen auf und besitzt Eigenschaften, die von einer Ansammlung einzelner Individuen unterschiedlich ist. In der Masse verschwindet die einzelne Persönlichkeit, die Gefühle und Gedanken einzelner werden in eine bestimmte Richtung gelenkt. Diese Gesamtheit wird als organische Masse bzw. psychologische Masse bezeichnet. Diese werden zu einem einzigen Wesen und unterliegen anderen Gesetzmäßigkeiten als das Individuum. Die Besonderheit der Masse ist die Entstehung der sogenannten Gemeinschaftsseele, mit neuen Qualitäten, unabhängig von den Unterschieden der einzelnen Bestandteilen der Masse hinsichtlich ihren Lebensweisen, Intelligenz oder Charakter. Für Le Bon liegt die Erklärung für die Vereinheitlichung der Individuen in der Masse in dem gemeinsamen freudschen Unbewussten der einzelnen Mitglieder der Masse. D.h. der Grund für die Gleichheit der Masse sind die ähnlichen irrationalen Triebe, Leidenschaften und Gefühle der Einzelnen. Durch diesen Umstand wird z.B. das Phänomen erklärt, dass eine Ansammlung von hervorragenden Persönlichkeiten zu keinen besseren Entscheidungen führt, als eine Ansammlung von Dummköpfen. Die neuen Eigenschaften der Masse werden durch mehrere Ursachen bestimmt. Ein Individuum erlangt in der Masse ein Gefühl von unüberwindlicher Macht durch die Anonymität und dem daraus folgenden schwindenden Verantwortungsgefühl. Durch eine geistige Übertragung und Beeinflussbarkeit fällt es dem Einzelnen leicht seine persönlichen Wünsche den Gesamtwünschen zu opfern. Hier wird ein irriger Vergleich gezogen zwischen der Hypnose, einer für Le Bon Auslöschung der bewussten Persönlichkeit, und dem Verhalten in der Masse. Auch die beste Hypnose kann keinen zu Handlungen verleiten, die den eigenen Wünschen zuwider laufen (eigene Anmerkung). In der Masse wird der Einzelne zu einem bloßen Automaten, der keine bewusste Persönlichkeit mehr besitzt, bei dem das unbewusste Wesen dominiert, dessen Gedanken und Gefühle leicht beeinflussbar sind und durch Übertragung ebenso leicht in eine bestimmte Richtung gelenkt werden können. Der Massenmensch steigt von der Leiter der Kultur mehrere Stufen hinab, wird in der Masse zu einem Triebwesen, einen Barbaren.
Kennzeichnend für das Verhalten der Masse sind mehrere Merkmale. Die Veränderlichkeit ihrer Gefühle lässt die Masse leicht unter dem Einfluss von augenblicklichen Strömungen geraten. Dies verhindert ein langfristiges Streben, ebenso wie ein langfristiges Denken. Die Leichtgläubigkeit und Beeinflussbarkeit ist charakteristisch für die Masse. Erklärt wird dies mit der Leichtigkeit, wie Legenden und die Entstellung eines tatsächlichen Ereignisses in der Masse entstehen. Unmittelbar einleuchtend wird dieses Prinzip an dem Kinderspiel „Stille Post“. Dies lässt letztendlich eine Art Kollektivhalluzination entstehen. Die Befürchtung des Einzelnen ausgegrenzt zu werden, hat die Übernahme der gleich geschalteten Meinung zur Folge im extremen Fall sogar bis zu einer visuellen Fatamorgana. Le Bon leitet aus diesen Merkmalen die erstaunliche Erkenntnis, dass Geschichtswerke als reine Phantasiegebilde zu betrachten sind, so wüsste man ohne das Vorhandensein von Literatur, Kunst und Bauwerken überhaupt nichts von vergangenen Zeiten. D.h. die Geschichte wurde schon so oft im Laufe der Zeit verfälscht, dass tatsächliche Aussagen über die Geschehnisse dieser Zeit kaum realisierbar sind. Alle Gefühle der Masse haben zwei Eigentümlichkeiten, Einfachheit und Überschwang. Das ausgeprägte Schwarz-Weiß Denken soll die Masse vor Zweifel und Ungewissheit schützen. Ein Keim von Abneigung wird in der Masse zum wilden Hass. Dieser Gefühlsüberschwung wird durch die Anonymität, die Gewissheit der Straflosigkeit, der Masse gesteigert. Auch Herrschsucht und Unduldsamkeit sind Merkmale der Masse. Die Anfälligkeit der Massen für negative Regungen stellt Le Bon jedoch auch positive Regungen wie Hingabe, Aufopferung und Uneigennützigkeit gegenüber, insbesondere bei einer Erweckung der Gefühle der Masse für Ruhm und Ehre, Religion oder Vaterland.
Vielleicht ist der wichtigste Beitrag von Le Bon für ein Verständnis der Massenpsychologie in dem Kapitel von den Ideen, Urteilen und der Einbildungskraft der Massen enthalten. Hierbei wird jedoch auch ein kritischer Umgang mit seinen Ansichten nötig sein, um nicht unreflektiert seine Meinung wieder zu geben. Zuerst soll aber sein Verständnis erläutert werden. Die Wirkung von Ideen auf Massen können nur zustande kommen, indem sie in einer sehr einfacher Form formuliert werden und in bildhafter Erscheinung treten. Die Widersprüchlichkeit dieser Ideen wird vom unkritischen Geist der Masse nicht erkannt. Aus diesem Grund kann das Verhalten der Masse unterschiedlich sein, abhängig vom Zufall des Augenblickes. Allein durch die Tatsache, dass eine Idee massenhaft wirken kann, spricht für ihre Vereinfachung und führt damit zur Entkleidung der Größe und Erhabenheit dieser Idee. Ideen brauche eine lange Zeit um sich in der Masse festzusetzen, und wieder zu verschwinden. Die Merkmale der Massenlogik sind Analogien und Verallgemeinerungen im Gegensatz zur Logik. Dies nutzen auch geschickte Redner mit Hilfe von bildhaften Vorstellungen oft aus. Die Massen sind unfähig die Wahrheit vom Irrtum zu unterscheiden, sie nehmen nur aufgedrängte Urteile, aber keine geprüften. Die Gefühle der Massen ordnet Le Bon religiösen Gefühlen zu. Diese besitzen einfache Kennzeichen, wie Anbetung eines vermeintlich höheren Wesens, Furcht vor dessen Gewalt, blinde Unterwerfung, Unfähigkeit, dessen Glaubenssätze in Frage zu stellen, Bestrebung, diese zu verbreiten und die Neigung, alle als Feinde zu betrachten, die diese Glaubenssätze nicht annehmen. Diese Gefühle sind immer mit Unduldsamkeit und Fanatismus verbunden. Die Ansicht Le Bon zu geschichtlichen Strömungen wird in diesem Kapitel ebenfalls deutlich. Die christlichen Ideen des Mittelalters, die demokratischen Ideen des 18. Jahrhunderts und die sozialistischen Ideen seiner Gegenwart werden von ihm in philosophischer Hinsicht als armselige Irrtümer betrachtet. Somit stellt er sich selbst in die lange Reihe von arroganten Philosophen, alle beeinflusst von dem Philosophen Platon, die genau wüssten, wie die Menschen zu leiten sind. Die Bescheidenheit von manchen sokratischen Dialogen wird hierbei schlichtweg ignoriert. Diese Schar von Philosophen soll allein auserkoren sein, wegen ihrer Intelligenz und Weitsicht, die staatstragenden Funktionen auszuführen oder zu mindestens die Staatsmänner zu beraten. Trotz seiner hochmütigen Sichtweise, lassen sich interessante Schlussfolgerungen aus der Psychologie der Massen von Le Bon in Bezug auf die Finanzkrise ziehen.
Quelle: „Psychologie der Massen“ Gustav Le Bon